MEIN LIEBLINGSAUTOR BIN ICH SELBER
Einar Schleef über Drama, Tragödie, Oper und Kitsch




Schleef
Kluge: Ihr Programm heißt 20 Opern, 80 Chorwerke und der Gesamtzyklus von Schiller, Hochhuth, usw. Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

Schleef: Mein Lieblingsautor bin ich selber.

Kluge: Worin besteht eine dramatische Qualität? Was ist ein Drama?

Schleef: Wenn zwei sich kloppen, das ist Drama.

Kluge: Was ist eine Tragödie? Was ist tragisch?

Schleef: Wenn einer auf der Strecke bleibt, ist es eine Tragödie. Tragisch ist es, wenn wie bei Orpheus bei beiden Figuren die Beweggründe des Sterbens verschlossen sind. Da berührt sich Glucks Ehe- oder Paarszene mit Bergmann, denn Orpheus wie Eurydike ist verschlossen, warum sie da sind. Sie können darüber nicht diskutieren, wenn sie es tun und sich ansehen, sind sie des Todes und das wird von der Frau bei Gluck erbarmungslos gegen den Mann geführt und plötzlich bekommt man Mitleid mit dem Mann, weil der so unter der Fuchtel dieser Frau steht, aber natürlich geht voraus, daß Orpheus zugelassen hat, daß sie stirbt. Das kann man überhaupt nicht getrennt sehen, zumindest in der Endszene ist die Frau furchtbar, denn sie kapiert ja nicht, was der Typ will. Sie schreit immer: du liebst mich nicht, du liebst mich nicht, dreh dich um, dreh dich um.

Kluge: Das sagt sie?

Schleef: Ja, ununterbrochen. Dann dreht er sich um und weiß: wenn es die Götter gibt, ist das ihr Tod. Er weiß aber schon, daß es die Götter gibt und er weiß auch, daß sein Leben dann auch am Ende ist. Das wird zweimal im Text behauptet, er bringt sich um oder er stirbt, aber praktisch hört man es gar nicht. Fakt ist, nachdem er das Tabu gebrochen hat, ist sein Leben beendet, und dann kommt bei Gluck Amor und sagt, das ist alles anders, wir fangen von vorne an. Zumindest gibt es zwei Personen, die aneinander sterben, die nichts Positives entwickeln können, sondern zugrunde gehen.

Kluge: Was ist Kitsch?

Schleef: Ein Großteil meiner Arbeit ist Kitsch.

Kluge: Was bezeichnet man als Kitsch?

Schleef: Es nicht angemessen formulieren zu können.

Kluge: Und es zuzugeben?

Schleef: Ja, ich kann das nur auf meine Arbeit beziehen, es ist quasi Gedankenschwäche.





facts-fakes5.0
In:
Alexander Kluge - Facts & Fakes 5
-Einar Schleef - der Feuerkopf spricht, S. 12 ff.
Fernseh-Nachschriften,
hg. v. Christian Schulte und Reinald Gußmann.
Verlag Vorwerk 8, Berlin 2003.
ISBN 3-930916-59-2



Bildnachweis: Einar Schleef, o.T., o.J., © Schleef Erben. Courtesy: Einar-Schleef-Archiv, Akademie der Künste, Berlin / Camera Austria, Graz.